Dienstag, 1. Dezember 2009

Winterwald



Ein Klick aufs Bild macht dieses groß, die Originalgröße gibt es hier.
winterwald

Der erste Schnee zur Abenddämmerung. Im Wald am Rande des Dorfes brennt Licht. Zu solchen Szenen gibt es immer hörenswerte Geschichten. So auch diesmal, nur wird diese Geschichte hier nicht erzählt.*




















*Denn sie springt einem aus dem Bild entgegen.



Freitag, 27. November 2009

Das Wetter heute


Seltsam, aber irgendwie hübsch.


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Sonntag, 8. November 2009

Grundrechte



Die allerwichtigsten Rechte, die immer und überall gelten müssen:

1. Das Recht auf Leben
Dies hat jedes Lebewesen, jetzt, wie in Zukunft. Das Recht auf Leben wird aber den nachfolgenden Generationen durch unser jetziges Verhalten verwehrt, indem unser Lebensraum gezielt zerstört wird. Viele Politiker scheren sich einen Scheißdreck darum, was in Jahrzehnten und Jahrhunderten sein wird, wichtig ist nur die momentane Macht. Viele Unternehmen sind ausschließlich an kurzfristiger Rendite interessiert, das Überleben in der Zukunft spielt keine Rolle. Klimaveränderung und Umweltverschmutzung werden ignoriert, oder schlimmer, kleingeredet.

2. Das Recht zu wissen, was einem vorgeworfen wird
Das Verbrechen kann noch so abscheulich sein, jedem Verbrecher muss mitgeteilt werden, was er getan haben soll. Dieses Recht wird ohnehin nur in den primitivsten und grausamsten Diktaturen verwehrt, in Romanen von Franz Kafka, sowie vom früheren amerikanischen G. W. Bush-Regime, welches den Gefangenen von Guantanamo Bay genau das angetan hat.

3. Das Recht an der Kritik
Insbesondere der Kritik an der Regierung. Ob die Regierung wirklich unrecht hat oder nicht, ist hierbei irrelevant, aber man muss das Recht haben, sagen zu dürfen, dass die Regierung unrecht hat. Sei das auch in der Sache falsch, aber allein die Möglichkeit, diese Aussage straffrei zu machen, gibt den Bürgern Freiheit. Dies sei auch jenen Ostalgikern gesagt, die sich die DDR zurück wünschen. Den geistig völlig derangierten Nationalen sage ich hingegen nichts, das ist eh zwecklos, da versteht ja eine durchschnittliche defekte Straßenlaterne mehr.

4. Gedankenfreiheit
Ich kann denken, was ich will. Ich setze ja nicht jeden Gedanken, den ich habe, in die Tat um. Zum Glück. Aber der Gedanke an sich ist nichts Schlimmes und nichts Verwerfliches. Verwerflich kann nur die Tat sein. Immerhin möchte einem in heutiger Zeit niemand mehr einreden, dass Gedanken etwas Schlechtes sein könnten. Außer den meisten Religionen natürlich.



Wer sich in obigem Text persönlich angesprochen fühlt, ist auch gemeint.

Montag, 2. November 2009

Musik für die Nacht



Die Welt wird wieder dunkel und kalt, der Stamm versammelt sich abends ums Feuer und lauscht den Geschichten und Melodien aus alter Zeit. Dicke, weiße Flocken fallen vom Himmel, draußen heulen die Wölfe und drinnen die Sänger. Der Schreiber gießt sich etwas Wein nach. Die Spielleute machen sich bereit. Der geneigte Leser wird zum Hörer, jedoch nicht bei allen Stücken zugleich, denn das klingt Kacke. Hintereinander mag eine gute Wahl sein, der Schreiber hat sich zwar bei der Reihenfolge nicht viel gedacht, ein bisschen aber schon. Möge die Auswahl Gefallen finden bei denen, welchen so etwas gefällt.

Hier hätte nun eine Reihe eingebundener Youtube-Videos kommen sollen. Leider wäre das möglicherweise ein Urheberrechtsverstoß und so stehen hier nur noch die Titel. Die Rechtslage scheint da etwas verworren und bevor die Büttel von Musikindustrie oder Gema an meiner Fußmatte kratzen, lasse ich das lieber und verzichte auch auf Links. Suchen müsst ihr sie euch also selber, auf youtube.com oder sonstwo. Schade.

The Smashing Pumpkins - Tonight, Tonight
Sade - Smooth Operator
Rainbow - Stargazer
Iron Maiden - Remember Tomorrow
Pink Floyd - See Emily Play
Judas Priest - Dreamer Deceiver / Deceiver
Laibach - Opus Dei
The Pogues - Sally MacLennane
Einstürzende Neubauten - Stella Maris
Qntal - Ad Mortem Festinamus
The Police - Synchronicity II
motörheadgirlschool - Please Don't Touch
Sparks - This Town Ain't Big Enough For The Both Of Us
Mago de Oz - Fiesta Pagana
The Sisters of Mercy - Lucretia, My Reflection
Rammstein - Moskau
O.M.D. - Enola Gay
Black Sabbath - Spiral Architect
Hawkwind - Wind Of Change

Nachtrag zum Schluss, eine harte Nuss,
die ziemlich schwer zu finden ist:
Praying Mantis - The Voice

Sonntag, 25. Oktober 2009

Wirtschaftskrise


Eine Krise, die vor allem dadurch entstanden ist, dass Geld ausgegeben wurde, welches man nicht hatte, wird nun dadurch gelöst, dass man Geld ausgibt, welches man nicht hat. Habe ich das richtig verstanden, liebe neue Bundesregierung? Gute Güte, wer wählt solche Leute?

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Das Konservative



Ein natürliches Ding ist dem Wandel unterworfen und der Versuch, dies zu verhindern, macht es kaputt. Das ist das Perverse am Konservativen: die Erhaltung, auf die es abzielt, ist ein pathologischer Zustand. Damit etwas gut bleibt, muss man etwas ändern, denn immer so weiter machen wie man es gewohnt ist geht nicht lange gut. So ist eine Kultur, bei der nichts Neues mehr hinzu kommt, tot. Neues kann natürlich auch grausig schlecht sein, aber dieses versinkt dann meist schnell wieder im Sumpf des verdienten Vergessens.

In der Natur steckt die Änderung und Erneuerung schon drin. Das funktioniert prima, wenn auch mitunter etwas langsam, wie bei der Evolution. Gestört wird das, wenn von außen auf nicht natürliche Weise eingegriffen, die Umwelt aktiv und gezielt geschädigt wird, wie es Teile unserer Industrie seit langem tun. In kleinem Rahmen läuft das zunächst ohne merkliche Folgen ab. Ein Wald jedoch verkraftet es nur, wenn ein paar Bäume gefällt werden und nicht fast alle. Ein bisschen fossile Brennstoffe abfackeln schadet nichts, in dem Maße, in dem wir es treiben, kippt es das Weltklima. Ein bisschen in die Landschaft geworfener Atommüll fällt nicht auf, wenn man nicht zufällig daneben wohnt, zu viel verseucht uns alle auf Jahrmillionen hinweg. Eine aussterbende Tierart pro Jahr ist normal, Hunderte nicht.

Man muss sich das nicht tatenlos ansehen. Die Aktion eines Einzelnen bewirkt nicht viel, die von vielen Einzelnen aber sehr viel. Jeder kann so leben, dass jeder gut leben kann, auch in ferner Zukunft. Wenn wir nicht weiter leben wie bisher. Der Trampelpfad des Konservativen führt in eine Sackgasse, an deren Ende ein Abgrund wartet. Abzweigungen sind vorhanden, aber möglicherweise nicht so gut gespurt.

Dienstag, 1. September 2009

Nocturne in Schwarz und Gold



Nocturne in Schwarz und Gold: Kosmische Kollision
Nocturne in Schwarz und Gold
Bild klicken zum Vergrößern.
Ein paar Milliarden Jahre in der Zukunft, der Blick von einem entlegenen, atmosphärelosen Mond auf das Schauspiel, wie Milchstraße und Andromedanebel langsam, sehr langsam, kollidieren.
Bild in Originalgröße, 3.8 MB


Inspiriert wurde das Bild durch James Whistlers Meisterwerk Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket


So könnte die Kollision der beiden Galaxien ablaufen:

Der Vorgang dauert aber in Wirklichkeit nicht eine Minute, sondern hunderte Millionen Jahre. Sternzusammenstöße wird es dabei wohl nicht geben, aber die vielen Nebel in den Galaxien werden sich verdichten und ungewöhnlich viele Riesensterne in kurzer Zeit erzeugen. Die Galaxien werden völlig ihre Form verändern und vielleicht miteinander verschmelzen.

Mittwoch, 19. August 2009

Geheimes Wissen



In dunklen Räumen, tiefen Katakomben, abgelegenen Orten, verwunschenen Wäldern wird seit Jahrhunderten und Jahrtausenden das geheime Wissen von Magiern und Waisen gehütet. Nur Eingeweihte dürfen es erfahren, müssen Eide zu seiner Bewahrung ablegen und es mit ihrem Leben behüten. Geschrieben in Blut auf Pergament oder geschmiedet in Gold und Silber, hat das gemeine Volk keine Kenntnis von den unfassbaren Geheimnissen, Ritualen, Zaubersprüchen der wahren Herrscher dieser Welt. Bis jetzt. Nun kann ich nicht länger schweigen und veröffentliche all dieses Wissen denen zum Trotz, die nach Macht streben. Verklagt mich doch!


• Blei macht man zu Gold, indem man das Blei verkauft und vom Erlös Gold kauft. Der Haken an der Sache ist, dass man für 20 kg Blei nur etwa 1 g Gold bekommt.

• Salzflecken kriegt man mit Rotwein wieder raus.

• Wenn man etwas nicht weiß, was man wissen will, hat man zwei Möglichkeiten: Glauben oder Denken.

• Wer behauptet, in Besitz ewiger, religiöser Wahrheit zu sein, lügt.

• Es gibt drei Erhaltungen: Masse, Energie und Impuls. Da Masse und Energie ineinander überführt werden können, gibt es eigentlich nur zwei Erhaltungen: Masse/Energie und Impuls.

• Es waren wirklich Menschen auf dem Mond. Das war zwar nicht sonderlich sinnvoll, aber darauf kam es damals ja auch nicht an.

• Die alten Griechen kannten vier Elemente: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Wir kennen vier Aggregatzustände: Fest, flüssig, Gas, Plasma. Eine nette Parallele, zumal die alten Griechen mit Plasma eher selten zu tun hatten.

• Die Summe der Flächen der Kathetenquadrate ist gleich der Fläche des Hypotenusenquadrats. Obwohl das heute jedes Schulkind lernt, war das früher einmal wirklich Geheimwissen, um das möglicherweise Menschen ermordet wurden.

• Nur weil etwas keine universelle Lösung für alle Probleme ist, heißt es nicht, dass es gar keine Lösung für irgendwas ist.

• Viele kleine Dinge ergeben zusammen etwas Großes, wenig ist mehr als nichts.

• Ökostrom ist besser als anderer.

• Das Weltall ist endlich, aber unbegrenzt. Es sieht zumindest so aus.

• Nachts ist es nicht immer kälter als draußen.

• Marmorkuchen ist schlecht für die Zähne.

• Wenn man bei Vollmond zu Mitternacht auf einem alten, verlassenen Friedhof aus Krötenaugen, Spinnenbeinen und Mistelzweigen eine Suppe kocht, dann wird die auch nicht besser als tagsüber daheim in der Küche bei irgendeinem Mond.

• Das Buch der Natur ist geschrieben in der Sprache der Mathematik (nach Galilei).

• Exponentielles Wachstum geht nicht lange gut.

• 'Es gibt wichtigeres' und 'Warum sollte ich mich um A kümmern, es könnte ja auch B passieren' sind die dümmsten vorstellbaren Argumente.

• Statistiken müssen nicht gefälscht werden, es reicht, wenn man sie unzureichend interpretiert. Was fast immer geschieht.

• Die Frage zu 42 lautet: Wieviel ist sechs mal sieben?

• Dieser Satz enthält einen Widerspruch.

• Nur weil man zu doof ist, etwas bestimmtes zu verstehen, ist es nicht so, dass dieses automatisch falsch ist. Aber richtig muss es deswegen auch nicht sein.

• Im 16. und 17. Jahrhundert war es eine ganze Weile lang sehr kalt, entsprechend knapp war das Getreide in Mitteleuropa. Deswegen wurde ins Brot alles mit eingebacken, was man für essbar hielt, unter anderem Bilsenkraut und Stechapfel. Wenn man es überlebt, kann man sich nach dem Genuss dieses Zeugs durchaus vorstellen, dass man auf einem Besen durch die Lüfte reitet, was die christlichen Kirchen für ihr widerwärtiges Werk der Hexenverfolgung dankbar aufnahmen.

• Wenn man begangenes Unrecht wieder gutmachen müsste, wären wohl alle Länder der Welt pleite.

• Die Idee der Nächsten- und Feindesliebe gab es schon lange vor dem Christentum. Neu hingegen war die Idee der Verdammnis für alle Ungläubigen.

• Am besten schützt vor Sonnenbrand, nicht in die Sonne zu gehen und sich auch keinem Sonnenersatz auszusetzen.

• Wenn du genau zu dem Ergebnis kommst, zu dem du kommen willst, ist die Chance ziemlich hoch, dass es falsch ist.

• Es ist extrem wahrscheinlich, dass es Außerirdische gibt, aber extrem unwahrscheinlich, dass wir Kontakt zu ihnen (oder sie zu uns) aufnehmen könnten.

• Das metrische System ist um Längen besser als das Imperiale und dieser ganze andere alte Krempel.

• Es gibt menschengemachte globale Erwärmung, es gibt Umweltverschmutzung und es gibt Leute, die dieses abstreiten, weil sie ihr Geld auf Kosten unserer Zukunft verdienen.

• Sport ist nur dann gesund, wenn man ihn selber macht, zuschauen hilft nichts.

• Wenn es für ein kompliziertes Problem eine einfache Lösung gibt, dann sollte man sich zuerst fragen, ob diese auch wirklich richtig ist.

• Auch die besten Sprüche nutzen sich ab. Wenn man heute zu einem Jugendlichen 'Petting statt Pershing' sagt, dann muss man ihm erst erklären, was Petting ist und dann, was Pershing ist. Wenn man Pech hat, kennt er auch das Wort 'statt' nicht.

• Sterne lügen nicht. Sie sagen auch nicht die Wahrheit. Sie halten einfach die Klappe und machen Licht.

• Wer solche verborgenen Wahrheiten bedenkenlos veröffentlicht, muss damit rechnen, dass finstere Mächte versuchen werden, ihn zu hrggarglaaaaaa§"$%&

Montag, 3. August 2009

Unser Dorf soll blöder werden



Buchenberg heißt mein Heimatdorf, Sonnenterrasse des Allgäus nennt es sich. Sehr beschaulich ist es da zumeist, mitten im Grünen. Irgendein Redakteur des Fernsehsenders Pro7 hat wohl leider beim blind-in-den-Atlas-tippen dieses oder das nicht minder idyllische Nachbardorf Wiggensbach erwischt und für eine deren unsäglicher Showideen auserkoren. Zwei Dörfer treten gegeneinander an. So weit, so potentiell nett. Und in welchen Disziplinen treten sie an? Riesenweißwurst machen, Schrottautos zum Herumwerfen basteln und Wett-Nichtpissen. Letzteres heißt, Teams trinken eine nicht unerhebliche Menge und müssen so lange wie möglich alles bei sich behalten. Echtes Bildungsfernsehen halt, leidende Menschen, die ihren Körper ruinieren, als Unterhaltung. Und beide Dörfer machen munter mit, rufen die Bürger zur Teilnahme auf und lassen sich vom Sender vor den widerwärtigen Karren spannen, dienen dem abgestumpften Glotzvieh als billige, schadenfreudige Bespaßung und als Bestätigung, dass die Leute im Fernsehen es an geistiger Minderbemitteltheit locker mit der eigenen aufnehmen können. Liebe Gemeindevorsteher, seid ihr noch ganz bei Sinnen, bei dieser Volksverdummung mitzumachen? Ein Pakt mit einem solchen Sender? Dagegen ist der Teufel doch ein seriöser Geschäftspartner. Der hat das höhere Niveau und ist ehrlicher, er hätte den Mist wenigstens nicht 'Crazy Competition' genannt, sondern 'Lasset die Blasen platzen', oder so, wie in der Überschrift zu lesen.

Ach ja, gesendet wird das Ganze wohl auch irgendwann. Wenn es soweit ist, dann sagt mir bitte nicht Bescheid. Ich will das nicht sehen und ich habe eh keinen Fernseher mehr. Solche Sendungen sind der Grund dafür.

Soll ich mich jetzt für mein Dorf schämen? Anscheinend schämt sich mein Dorf ja selber, hat es doch jeden Hinweis auf diese Sendung schon wieder von seiner Seite entfernt. Wiggensbach dagegen kennt solche Skrupel noch nicht. Vielleicht deswegen, weil sie den Blödsinn gewonnen haben.

Freitag, 3. Juli 2009

Paulaner Sound-Glas



Ich setze mich in mein kleines Auto und will gerade losfahren, da ertönt aus meinem Kofferraum eine Melodie. So etwas hat der noch nie gemacht und ich finde, das ist für einen Kofferraum ohne Boxen auch kein standesgemäßes Verhalten. Hat mich endlich eine Geisteskrankheit erwischt? Aber das ist ja die Paulaner-Werbemelodie. Verdammt, hat es nicht mal für eine anständige Geisteskrankheit gereicht?
Moment, ich habe doch soeben einen Kasten alkfreies Hefeweizen dieser Marke käuflich erworben und ebendort abgestellt, ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Netterweise war an diesem Kasten sogar ein Weizenglas befestigt, ein besonderer Grund zur Freude für mich, da sich vor geraumer Zeit mein letztes Exemplar dieser Sorte nach einer unsanften Kollision mit dem Wasserhahn seiner materiellen Existenz beraubt sah.

Also, ausgestiegen, Kofferraum geöffnet und da dudelt das am Kasten per Kabelbinder befestigte Glas fröhlich das entsetzliche Jingle vor sich hin und will gar nicht mehr aufhören. Der Glasboden ist der Unruhestifter, wie ich bei genauerer Untersuchung feststelle. Panik erfasst mich, ich möchte kein ständig lärmendes Weizenglas haben. Ein beherzter Einsatz des Autoschlüssels und das Dudelding ist aus dem Boden gehebelt, musiziert aber immer noch. Erst durch herausrupfen der Drähte bringe ich das Teil zur ersehnten Ruhe. Das gemeuchelte Mahnmal technischer Sinnlosigkeit fällt zwischen die Flaschen im Kasten. Erstaunt und ungläubig lese ich den Hochglanzfetzen, der im Glas steckt und den ich vorher selbstverständlich aus chronischem Desinteresse für bunte Werbezettel ignoriert hatte. Darauf steht:
Weltneuheit
Paulaner Sound-Glas!
Musik auf Anstoß.
Auf der Rückseite ist eine Bedienungsanleitung, die unter anderem das problemlose Handling des Batteriewechsels erläutert.

Verwirrt setze ich meine Fahrt fort. In meinem Kopf spinnt sich die Szene zusammen, wie die Marketingabteilung von Paulaner ihre bahnbrechende Idee eines düdelndes Bierglases der Managementetage vorstellt. Ich stelle mir einen Häuptling jener besonderen Spezies der Marketing-Heißlufterzeuger vor, der mit zwei Sätzen eine komplette Partie Bullshit-Bingo beenden kann. Er sagt etwas wie: "Mit diesem innovativen Produkt wird für den Kunden ein beachtlicher Mehrwert erzeugt und die Corporate Identity im Bewußtsein des Konsumenten verankert. Dadurch wird eine positive Identifikation mit der Marke verstärkt und ein innovatives, aufgeschlossenes und stimmungsvolles Image vermittelt, welches unsere Werbebotschaft nach außen kommuniziert." Das Management applaudiert begeistert. Die Ingenieure schütteln den Kopf, aber entwickeln das Ding, weil dafür werden sie ja bezahlt. Ein paar chinesische Wanderarbeiter freuen sich, dass wieder ein Monat Arbeit und damit fünfzig Dollar sicher sind und ihnen ist es eh egal, was sie bauen. Und die Kunden, sind sie wirklich so abgestumpft, dass sie sich jeden sinnlosen Müll andrehen lassen? Zumindest ich anscheinend schon, wenn auch nur aus Unaufmerksamkeit. Ich frage mich, wieviel Geld ich für diesen Düdelapparat denn gezahlt habe. Wahrscheinlich um die 20 Cents, auf jeden Fall aber zuviel.
Weltneuheit steht drauf. Liebe Paulanier, das Ding ist eine Weltneuheit, weil jene Leute, welche bisher einen solchen Hirnfurz hatten, sich vor der Produktion noch besannen und merkten, dass wirklich kein Mensch so etwas haben will. Habt ihr wenigstens ein weltweites Patent darauf angemeldet, damit uns andere Firmen vor diesem Mist verschonen?

Das Bier ist übrigens gut und das Glas erfüllt in seiner jetzigen, soundfreien Form perfekt seinen Zweck.

Freitag, 19. Juni 2009

Sonnenuntergang


Das wohl meistfotografierte Motiv der Welt: der Sonnenuntergang. Zum Vergrößern draufklicken.

Sonnenuntergang Abendstimmung
Original, 2.4 MB

Schwarze Sonne (ein Negativ):
Schwarze Sonne

Ort: N47° 43.527' E010° 19.965'

Dienstag, 5. Mai 2009

Fremde Welt Titan


Anfang 2005 bekam der Saturnmond Titan Besuch. Die Sonde Huygens durchstieß seine Atmosphäre, landete und ging erwartungsgemäß ziemlich schnell kaputt. Vorher funkte sie ein paar Bilder zur Erde, von denen es zwei, drei sogar bis in die Abendnachrichten schafften. Die Bevölkerung sah beim Abendessen graue und bernsteinfarbene Bilder, wie schlechte Satellitenaufnahmen irdischer Landschaften, und vergaß sie nach dem runterschlucken schnell wieder. Titan ist ja auch weit weg, für unsere Verhältnisse ziemlich ungemütlich und er bringt keine kurzfristige Rendite. Außerirdische mit überlegener Technik hatte man auch keine entdeckt. Also was solls?

Titanoberfläche
Foto: ESA/NASA/JPL/University of Arizona

Die Daten von Titan haben gezeigt, welche Vielfalt im All möglich ist. Das dort Gefundene hätte kaum jemand zu erwarten gehofft. Titan hat Flüsse, Seen, Inseln, Küsten, Berge, Dünen, Eisvulkane. Man kann diese Bilder ohne Weiteres für Satellitenbilder der Erde halten, nur die Farben sind etwas anders als gewohnt. Das, was da auf Titan vor sich hin fließt und sogar Deltas bildet, die sich vor dem des Nil nicht zu verstecken brauchen, ist allerdings kein Wasser. Die Temperatur auf Titan beträgt so um die -180°C. Es sind Kohlenwasserstoffe, die diese fremde Landschaft prägen. Methan und Ethan fließen in die Seen und erodieren das Land, welches zu einem großen Teil aus Wasser besteht, knüppelhart gefrorenem. Auch der Regen, der hier viel gemächlicher als auf der Erde durch eine dichte Stickstoffatmosphäre fällt, fast schwebt, ist vor allem Methan. Der Kreislauf aus Verdunstung und Niederschlag ist der gleiche wie auf der Erde, nur das Medium ist ein anderes.
Titan hat eine sehr vielfältige Chemie, vermutlich kommen hier Kohlenwasserstoffverbindungen vor, die wir noch gar nicht kennen. Die junge, ständiger Änderung unterworfene Oberfläche des Titan ist wie ein riesiges Laboratorium für organische Chemie. Es wird spekuliert, ob sich unter solchen Bedingungen nicht eine Art von Leben bilden kann, fremd dem unsrigen. Das Material dafür wäre da.

Titan ist eine von unzähligen Welten dort draußen, eine, die wir vor kurzem erst etwas besser kennen gelernt haben und die einen Vorgeschmack gibt auf das, was uns im All noch alles erwartet: das Unerwartete.

Freitag, 17. April 2009

Glaube und Logik


Religionen sind ideologische Traditionen, sie haben allesamt mit Wahrheit nichts zu tun. Ihre Aussagen sind mal besser, mal schlechter, wie bei allen Ideologien. Ein bestimmtes Wissen liegt ihnen nicht zu Grunde, das behaupten sie nur, ohne irgendein echtes Anzeichen dafür, dass sie recht haben.

Das ist meine Meinung und auch die von ein paar anderen Leuten. Aber Religionen versprechen oft so schöne Dinge, wie ein paradiesisches Leben nach dem Tod. Und Menschen leben nun mal gerne, die meisten zumindest. Agnostiker und Atheisten sind da keine Ausnahme. Was kann man denen also in dieser Hinsicht bieten? Logik natürlich. Denn ein Leben nach dem Tod kann logisch sein, ganz ohne Götter, Schöpfung und solche Mythen.

Herleitung:

1. Ich bin da und lebe.
Das gilt auch für alle anderen momentan existenten Lebewesen. Sollte dem nicht so sein, dann ist zumindest die Täuschung sehr überzeugend.

2. Was geschehen ist, kann geschehen.
Das ist trivial.

3. Was mit einer Wahrscheinlichkeit, die groß genug ist, geschehen kann, wird beliebig oft geschehen.
Es gibt sehr viele Lebewesen. Unglaublich viele. Und das gilt jetzt erstmal nur in Bezug auf die Erde. Andere Welten mit Leben gibt es vermutlich noch zahlreiche, das Universum ist groß genug dafür. Von möglichen anderen Universen ganz zu schweigen. Es geschieht also sehr oft, dass irgendwo etwas Punkt 1 von sich behaupten kann.

4. Bevor man gelebt hat, war man in dem Zustand des Nichtlebens.
Trivial.

5. Nachdem man gelebt hat, ist man in dem Zustand des Nichtlebens.
Trivial.

6. Man konnte vom Nichtleben zum Leben wechseln, wie auch immer das funktioniert haben mag.
Plötzlich war man einfach da.

7. Punkt 6 kann laut Punkt 3 immer wieder geschehen, so lange es Leben gibt.

Was also diese Logik ergibt, ist eine Art Wiedergeburt ohne Seelenwanderung. Leben nach dem Tod in einem neuen Leben, ohne Verbindung zu dem alten, in dieser Welt oder einer anderen. Völlig ohne übernatürliche Kräfte. Daraus ergibt sich eine Moral, die besser ist als die der meisten Religionen: bewahre das Leben da, wo du kannst. Für uns heißt das: schützt Natur und Klima auf der Erde und schaut, dass es dem Leben dort gut geht. Das Paradies, in dem man leben will, muss man sich selber machen.

Dienstag, 10. März 2009

Solarbetriebene E-Books


English abstract: Dear industry, please build solar powered e-book readers. Thank you.

Die Elektrobücher kommen. Was fehlt sind richtig gute Lesegeräte.

Ein wirklich verwendbarer Reader muss wie folgt beschaffen sein, damit ich mir auch einen zulege: man muss es sich damit auf einem Sessel, im Bett und auf dem Klo schön bequem machen und stundenlang darin lesen können und wollen und er darf keine externe Energie verbraten.

Format zwischen A5 und A4, aufklappbar wie ein Buch. Innen ist rechts der Monitor und die notwendigsten Navigationselemente: Vor- und Zurück-Taste, Vergrößern, Verkleinern, Scrollen, Startmenü, Goto, An/Aus, möglichst wenige Funktionstasten, Mausknubbel. Die linke Innenseite des Buches besteht aus Solarzellen, die das Ding ohne Stromzufuhr von außen bei Tageslicht oder normaler Zimmerbeleuchtung mit genügend Strom versorgen. Nur dann ist es wirklich als vollwertiger Buchersatz zu sehen, denn Lesen mit Kabel oder der Furcht, dass an der spannendsten Stelle der Akku leer ist, macht keinen Spaß. Taschenrechner werden ja schon lange von geradezu winzigen Solarzellen versorgt, von daher sollte eine größere Fläche auch einen sparsamen Monitor mit etwas Hardware betreiben können.

Wir hätten dann ein einfach zu bedienendes Gerät, das im laufenden Betrieb energieneutral ist. Haltbar und stabil muss es natürlich auch noch sein, der Monitor und die restliche Hardware muss Stöße gut aushalten können. A pro pos Hardware: Wechselspeicher (standardisierte Speicherkarte), USB-Ports um nicht notwendige, aber manchmal nützliche Sachen dazu stecken zu können wie Tastatur und W-Lan-Stick. Die Prozessorgeschwindigkeit muss nicht hoch sein, keine Grafikbeschleunigung, kein Sound. Die Technik muss solide sein, aber im Vergleich mit einem PC nicht sehr leistungsfähig. Akku ist nur ein sehr kleiner notwendig, um Lichtausfälle von maximal zwei Minuten überbrücken zu können. Nach einer Minute Lichtmangel fährt das Gerät ordnungsgemäß herunter, um bei einem Neustart dann da weiter zu machen, wo es stehen geblieben war.

Das Gerät muss gut in der Hand liegen und angenehm anzufassen sein. Es sollte einen weichen, robusten Umschlag haben, Stoff, Leinen, Kunstleder oder so etwas, ein Material, das man gerne auf dem Schoß liegen hat, gepolstert. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass es so besser geschützt ist. Es darf natürlich nach außen hin nicht heiß werden und muss ohne sichtbare Lüftungsschlitze auskommen. Spritzwasser darf ihm nichts anhaben. Das Material muss frei von Giftstoffen und umweltverträglich sein. In die Hülle kann man eine klettverschlossene Tasche für Speicherkarten integrieren. Auf der Außenseite prangt kein angeknabberter Apfel.

Die Software: freie Systeme, um nicht an einen Hersteller oder Anbieter gebunden zu sein. Linux-basiert, mit PDF-Reader, Plucker, schlankem, aber JavaScript-fähigem Browser, Bildbetrachter und minimalem Office, letzteres nur für Notizen. All diese fähig zu Unicode. Keine Unterstützung von DRM und ähnlicher Kundenbevormundung. Dateien müssen ohne Einschränkung kopiert werden können. Proprietäre Formate werden nicht interpretiert. Filme müssen nicht abgespielt werden können, Adobe Flash, Quicktime und dergleichen brauchen nicht unterstützt zu werden. Eine zuschaltbare Softwaretastatur ermöglicht das Eintippen von z.B. Webadressen in den Browser mit den Navigationstasten. Hoch- und Runterfahren muss sehr schnell gehen, im Idealfall wird der Benutzer davon nichts mitbekommen. Eine komfortable, kontextsensitive Suche in einer Datei oder in mehreren wäre enorm vorteilhaft. Alle mitgelieferten Programme befinden sich auf einem fest integrierten Flash-EEPROM.

Beim Start wird der Speicherkarteninhalt angezeigt, also die vorhandenen E-Books, PDF-, HTML-, ODT- oder TXT-Dokumente, Bilder und Ordner. Die Ordnerstruktur kann man entweder auf einem beliebigen PC oder auf dem Gerät selber bearbeiten. Die Navigation muss auch ohne Hardwaretastatur uneingeschränkt möglich sein.

Es gibt bereit sehr viele E-Books im Internet, es wäre aber wünschenswert, wenn Verlage ihr ganzes Sortiment auch als E-Book anbieten würden und zwar nicht umsonst, doch aber für einen deutlich geringeren Preis als für das papierene Buch. Und dann lasst die Leute fröhlich kopieren, denn wenn das Buch gut ist, werden sie auch bereit sein, ein bis zwei Euro dafür zu zahlen, ohne dem Verlag viel zusätzliche Arbeit zu machen. Richtig gemacht ist der Vertrieb von E-Books für alle Beteiligten ein Gewinn, denn die Bücher können so in Zukunft eine wesentlich höhere Verbreitung erreichen.
Eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Verlagen wäre es, eine Seite mit kostenpflichtigen Downloads von E-Books möglichst einfach im Gerät verfügbar zu machen und einen einfachen, transparenten Zahlvorgang dort für die Geräteinhaber zu ermöglichen. Wichtig ist aber, dass dies nicht die Verfügbarkeit anderer Angebote einschränkt, nicht verpflichtend ist und dass die Nutzer wirklich merken, wenn sie etwas zu zahlen haben und wissen, was sie dafür bekommen. Verlage und Autoren müssen für die Zusammenarbeit gewonnen werden, denn das jetzige Angebot reicht noch lange nicht aus. Schließlich brauche ich so ein Gerät nicht für ein oder zwei Bücher, sondern für dutzende oder hunderte.

Viele Bücher sind übrigens schon verfügbar: die Klassiker, an denen die Rechte abgelaufen sind. Project Gutenberg beispielsweise hat hier eine riesige Auswahl. Einige Werke könnte man in schön aufbereiteter Form als PDF dem Gerät beilegen, andere zum freien Download anbieten und auf dieser Downloadseite sehr erfolgreich Werbung für das Gerät machen. Auch kann man ganze Speicherkarten mit Spezialinhalten anbieten, denkbar wären z.B. eine Wikipedia-Karte, eine mit sämtlichen Werken Goethes, etc. Der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt, nur die der Vorstellungskraft. Eine schön gestaltete Goethe-Speicherkarte mit Portrait vom großen Meister vorne drauf und dessen Werken innen drin für wenige Euro wäre wohl eine erfolgreichere Vermittlung von Kultur als die meisten hochsubventionierten Projekte.

Ein entscheidender Punkt für den Erfolg des Gerätes ist natürlich der Preis. Auch deswegen stelle ich keine hohen Ansprüche an die Hardware, um diesen so niedrig wie möglich zu halten. Um wirklich eine große Verbreitung zu finden, sollte das Teil nicht mehr als 300 Euro kosten. Deutlich niedriger wäre wünschenswert und irgendwann sicher auch machbar. Dann noch 10 Euro für die anstöpselbare Tastatur, die man aber zur normalen Bedienung des Gerätes nicht unbedingt benötigen sollte.

So ein Gerät hätte das Potenzial, alsbald als unverzichtbar zu gelten und immer mit dabei zu sein. Vor allem auf Grund der Unabhängigkeit vom Strom. Mit effizienterer Solartechnik kann die Leistungsfähigkeit des Gerätes steigen, bis man einen vollwertigen Laptop aber auch in mitteleuropäischen Breiten bei Bewölkung laufen lassen kann, wird es wohl noch etwas dauern. Aber ein leistungsschwaches Lesegerät, da bin ich mir sicher, könnte schon jetzt rein mit einem integrierten Solarmodul betrieben werden und könnte bald zum alltäglichen Bild in unseren Städten gehören. Also legt mal los, liebe Industrie. Ich kaufe mir sicher eines, sobald es fertig ist und ich bin bestimmt nicht der Einzige.

Samstag, 7. März 2009

Selbstportrait als Geist




Selbstportrait als Geist (Self-portrait as a ghost), 789 * 900 px.

Es wohnt nicht jeder in einem alten Schloss. Und wenn man daher keinen Hausgeist hat, muss man halt selber manchmal so tun als ob.

Kamera: Sony α300
Objektiv: Sigma DC 18-200mm
Stativ: Hama Dreibeinstativ
Belichtungszeit: 30 Sekunden, nach 12 Sekunden bin ich aus dem Bild
Beleuchtung: indirekt durch wenig Licht im Nebenraum
Effekt: Skript-Fu Filter 'Altes Foto' von Gimp
Ort: daheim
Idee: nüchtern

Sonntag, 1. März 2009

Sternenstaub


Die Reise war lang und einsam gewesen, aber das machte ihm nichts aus. Die äußeren Schichten, wo sich so viele seinesgleichen finden, waren nur noch ein lange zurück liegender Traum, ebenso wie all jene, die er dort zurückgelassen. Aber er wusste noch wie zu Beginn der Reise, warum er sich auf den Weg gemacht hatte und der Grund war bei ihm der gleiche wie bei all den anderen, die vor ihm diesen Weg angetreten hatten. Es galt zu beobachten, einen Blick nach Innen zu werfen, was da so passierte, was nahe des heißen, unsteten Zentrums vor sich ging, wo die Umdrehungen kurz und der Zerfall rasch war. Von den vielen, die vor ihm da waren, kamen einige wieder zurück und hatten interessante Dinge zu berichten. Andere sah man nie wieder und von manchen wurde sich erzählt, sie seien dort verloren gegangen und mit dem Inneren eins geworden. Zu welchen er gehören würde, wusste er noch nicht. Er würde sehen, sich das Gesehene merken und wenn es denn ginge, irgendwann, berichten. Und die anderen würden zuhören und wieder etwas Neues erfahren von dem geheimnisvollen Inneren, das so nahe an dem gleißenden Licht lag, dass man es vom Außen her nicht wahrnehmen konnte.

Der Komet spürte die Kraft, die von der Sonne ausging bereits, als er die Bahn des Jupiter passierte. Er wurde merklich zu dem Zentralgestirn hingezogen, wusste aber, dass er in sicherem Abstand vorbei ziehen würde. Auch was ihn hinter dem Jupiter erwartete war ihm bekannt und er empfand eine tiefe Freude, als er von Weitem von Myriaden entfernter Verwandter begrüßt wurde. Diese formten einen Ring, nicht wie die daheim eine Sphäre und sie waren viel mehr der Geschwindigkeit und Unruhe unterworfen. Jupiter, der von ferne hinter dem Ring hervorlugte, hatte das Sagen über diese Bahnen, er bewachte den Ring und hielt ihn fest, zusammen mit dem viel kleineren Mars im Ringinnern. Mars, das war der Anfang des Zentrums, hier erfüllte sich der Auftrag der Reise. Und hier war es auch, wo er jenes prachtvolle Aussehen annahm, das seine Art nur dort zur Schau stellen kann und nur für kurze Zeit. Seine Oberfläche begann zu beben, kleine Teile wurden ihm entrissen und sammelten sich um ihn herum als Wolke. Es lag ihm fern, aber es musste wohl den Eindruck erwecken, als ob er sich aufplusterte. Dann aber stieß das Innere Licht in die Wolke und blies sie fort in einem Schweif, für den die Kometen hier berühmt sind, der aber in ihrer Heimat irreal, fehl am Platz, ja lächerlich gewirkt hätte. Ihm gefiel das, es war eine vorher nie gekannte Erfahrung. Nun merkte er auch zum ersten Mal, dass er eine Farbe hatte, er war grün. Grün fand er schön, das war die mysteriöse Farbe des Lebens, auch wenn er selbst mit dem Leben nichts zu tun hatte. Sein Grün hätte auch jegliches Leben sofort getötet, das mit ihm in Berührung gekommen wäre. Er wusste, dass dies immer noch geschehen konnte, jedoch nicht wahrscheinlich war.

Der Innere Bereich, Ziel und Zweck der Reise, war rasch durchlaufen. Wie ein strahlend grünlicher Feuerball, der doch in Wahrheit aus Eis bestand, war er für kurze Zeit die Attraktion des Inneren Himmels. Erde und Venus huschten durch sein Blickfeld, ganz in Blau die Erde, wo es jenes grüne Leben gab und für ihn neue, hochentwickelte Wesen mit einem merkwürdigen Zerstörungstrieb. Die Erde markierte fast genau den Punkt, wo seine Hinreise zu Ende war und seine Rückreise begann. Noch einmal sah er zurück zu dem Inneren Feuer und dessen stetigen Begleitern. Eine lange Zeit der Einsamkeit stand wieder bevor, der tiefe Blick ins endlos schwarze All mit seinen zahllosen, winzigen, leuchtend bunten Punkten und Klecksen, arrangiert zu einem sich langsam, dennoch stetig ändernden Ganzen. Er würde wieder viel Zeit und Ruhe haben, um das Gesehene zu reflektieren. Er würde zu seinen Kollegen in die äußere Sphäre zurückkehren und berichten. Ob er irgendwann einmal wieder nach Innen kommen würde, wusste er nicht, wenn dann würde es sehr lange dauern. Währenddessen, wenn in seiner Heimat Außen nicht viel passierte, würde sich Innen einiges ändern, vor allem auf dem blauen Planeten mit dem Grün. Jetzt ging es wieder hinaus ins All. Heim.

Auf Wiedersehen Lulin.

Montag, 23. Februar 2009

Fenster nach Europa


Fenster nach Europa

Fenster nach Europa (Window to Europe), 2009, Gimp auf Bildschirm, 1272 * 1200 px.
Die Ornamente des Fensterrahmens sind aus dem 'Handbuch der Ornamentik' von Franz Sales Meyer.

Ein Klick auf das Bild zeigt dieses vergrößert. Die ebenfalls verfügbare Originalversion hat 2,7 MB.

Ein Blick aus einem Fenster hinaus nach Europa und Nordafrika herunter. Wo befindet sich das Fenster?

Montag, 16. Februar 2009

Dorfszene


Dorfszene


Ein kleiner Ausflug in die bildende Kunst. Abendliche Szene in einem kleinen Dorf. Winter, kein Mensch ist unterwegs.
Wer auf das obige Bild klickt, der wird sich auf einer Seite wiederfinden, auf welcher jenes zum einen in Groß zu sehen ist und zum anderen per Klick auf selbiges zwischen Photo und Gemälde umgeschaltet werden kann. Wer das Gemälde in Originalgröße betrachten oder speichern möchte und dabei eine Größe von 1,8 MB nicht scheut, dem sei dieser Link ans Herz gelegt. Die Interpretation des Bildes bleibt dem Betrachter überlassen. Der Künstler selbst hat keine zu bieten, findet aber den blauen Fleck im Himmel sehr hübsch.

Nein, es ist kein altes Ölgemälde, welches hier vorgestellt wird. Ein echter Meister von Licht und Farbe, wie Vermeer, Monet oder Van Gogh, hätte wohl andere Akzente gesetzt, den Ausschnitt anders gewählt und dergleichen. Dennoch, für jemanden wie mich, an dem jegliche Begabung fürs Malen leider fast spurlos vorüberging, bin ich doch ganz zufrieden mit dem, was ich da innerhalb weniger Stunden gemalt erstellt habe. Basis war ein auf Grund der Dunkelheit sehr grobkörniges Photo, welches ich bei fortgeschrittener Abenddämmerung vor nicht allzulanger Zeit von meinem Dach aus aufgenommen habe, als netterweise die Wolkendecke gerade eine dünne Stelle aufwies. Dies Photo wurde dann mit Gimp gemäldisiert. Das ist nicht sonderlich schwierig, für solche Fälle hat dieses wundervolle, freie Programm viele Filter, darunter einen für Ölgemälde. Dieser und noch ein paar andere, kleinere Operationen haben dann schließlich aus einem Photo in schlechter Qualität, aber mit interessantem Motiv ein, wie ich finde, ganz ansehnliches Bild geschaffen.

Dienstag, 10. Februar 2009

Der gebackene Planet


Noch eine Science-Fiction Kurzgeschichte.

1
Es gibt Milliarden von Planeten in unserer Galaxie, die meisten davon sind äußerst lebensfeindlich. Zu heiß, zu kalt, riesige Gasbälle, tote Felsbrocken. Die wenigen Planeten, auf denen Menschen leben können, sind wohlbekannt und erforscht, viele davon schon lange besiedelt. Wenn man etwas Neues entdecken will, muss man sich zu einem der unzähligen anderen aufmachen, von denen meist nicht viel mehr als Position und ungefähre Größe bekannt sind, statt Namen haben sie nur eine nichtssagende Nummer. Hier ist noch weit mehr Terra incognita noch zu finden als früher, zur Zeit der großen Entdecker, auf den Weltmeeren.

2
Zu einem dieser Planeten unterwegs war die Celeste, ein kleines, privates Forschungsraumschiff. Und dieser Planet war etwas besonderes. Er kreiste um einen Weißen Zwerg. Vor Jahrmilliarden war es also ein normaler Planet um einen normalen Stern. Dieser Stern blähte sich an seinem Lebensende zu einem Roten Riesen auf und erhitzte dabei die Oberfläche des Planeten auf über Tausend Grad. Sollte es dort tatsächlich einmal Leben gegeben haben, so wäre dieses in der Glut der geschwollenen Sonne längst verbrannt, denn Millionen Jahre roten Feuers hatten alles dort eingeschmolzen oder verdampft. Jede Individualität, die es dort einst gab, ging in dem verflüssigten Gestein verloren, zusammen mit der Atmosphäre, die, wenn einst vorhanden, vom Sternwind in den leeren Raum geblasen wurde. Nachdem der Stern endlich seine aufgedunsene Hülle abgestoßen und nur seinen toten Kern zurückgelassen hatte, blieb der gepeinigte Planet als konturloser Ball aus knallhartem Fels zurück, der ohne seine wärmende Sonne bald eiskalt wurde. Ein denkbar schlechter Platz für aufregende Entdeckungen, sollte man meinen. Dennoch landete die Celeste hier.

White Dwarf Planet

3
Kaum eine Stelle der vielen Millionen gleichförmigen Quadratkilometer des Planeten schien für die Landung geeigneter zu sein als jede beliebige andere; die Besatzung der Celeste, zwei Frauen und zwei Männer, fand trotzdem eine. Ein kleiner, sanfter Hügel in der sonst perfekten Ebene, dessen schmutziges Grau etwas dunkler war als das der Umgebung, befand sich unweit des Landeplatzes. Vielleicht war hier einst eine Gasblase durch das zähflüssige Gestein aufgestiegen und kurz bevor sie an der Oberfläche aufplatzen konnte, war der gebackene Planet soweit abgekühlt, dass sie stecken blieb und den Hügel formte. Somit gab es hier ein kleines bisschen mehr zu untersuchen als anderswo in dieser Ödnis.
Gleich nach der Landung machte sich die Besatzung an die Arbeit. Alle vier begaben sich in einen Läufer, der vom Raumschiff abgekoppelt wurde. Dies war eine ovale Kapsel mit sechs einzeln steuerbaren Beinen, der auf fast jedem Terrain manövrieren konnte – ein unverzichtbares Fortbewegungsmittel für Planetenentdecker. Weiche Reifen wären auf diesem schmirgelpapierartigen Felsen in kürzester Zeit abgerieben worden, aber die Beine des Läufers fanden überall sicheren Halt, auch große Steigungen und Gefälle waren kein Problem für ihn. Die vier Personen hatten bequem Platz in der Kapsel und wurden auch gebraucht, um alle Steuer- und Erkundungsgeräte richtig im Griff zu haben.

4
Auf der gegenüberliegenden Seite des Hügels fand sich eine Höhle. Das war unerwartet. Der Eingang war nur leicht verschüttet, aber ansonsten kreisrund mit einem Durchmesser von über acht Metern. Die Höhle ging auf geradem Weg ziemlich steil in den Boden rein, ohne ihren Querschnitt zu ändern. Von einer Gasblase im Hügel war hier nichts zu sehen. Wenn der Läufer seine Beine etwas einzog, was er konnte, dann passte er gut hinein. Die Besatzung zögerte nicht. Dass auf diesem Planeten Gefahr drohte war sehr unwahrscheinlich, lediglich von geologischer Seite könnte hier etwas passieren und der Läufer war mit zahlreichen dafür vorgesehenen Sensoren ausgestattet, die rechtzeitig warnen würden.
Die Höhle vermittelte den Eindruck eines künstlich angelegten Ganges, die Wände waren fast völlig glatt. Er streckte sich nun schon seit mehreren hundert Metern gerade hin und hatte auch schon eine beachtliche Tiefe erreicht, als die Scheinwerfer vorne eine Kurve zeigten. Ansonsten änderten sich Durchmesser, Beschaffenheit der Wände und Gefälle nicht. Die Kurve war ein Punkt, der psychisch schwerer zu überwinden war als der Höhleneingang, denn mit ihr verlor man die Sicht zurück. Aber bis auf den leeren Gang gab es hinten ohnehin nichts zu sehen. Also lief der Läufer weiter.
Die Kurve erwies sich als Helix, die sich wie ein Korkenzieher in die Eingeweide des Planeten bohrte. Der Läufer hatte in ihr schon einige Runden gedreht. Die einzige Veränderung, die sich zeigte, war im Gestein selbst, das nun eine leichte Maserung aufwies und etwas weicher zu sein schien als an der Oberfläche. Aber es war immer noch sicher genug, so dass er gefahrlos weitergehen konnte, immer nur ein kleines Stück des Weges nach vorne und nach hinten im Blickfeld.

5
Abrupt blieb der Läufer stehen, ehe er von jemanden dazu aufgefordert worden war. Dies war ein Sicherheitsmechanismus für unvorhergesehene Veränderungen. Der Gang machte hier einen kleinen Knick nach links, weg von der vorher perfekten Helixbahn. Und der Grund lag in dieser Bahn. Ein metallenes, rostiges Gebilde war in den Stein verkeilt, mit ihm verwachsen. Uralt und völlig zerstört, war das der Beweis, dass der Gang vor unvorstellbar langer Zeit von intelligenten Lebensformen gegraben wurde. Denn was da in Trümmern lag, das war sicher nicht natürlichen Ursprungs. Ein hohler Kegel, von gleichem Durchmesser wie der Tunnel, mit Scharten und Klingen an der Außenseite, die in den Fels, der hier etwas heller war, tief eingegraben waren. Dies war zweifellos einer der Tunnelbohrer, mit dem dieser Gang von unbekannten Wesen gegraben wurde und der an einer besonders harten Felsformation kapitulieren musste. Diese Wesen hatten also eine hochstehende Technik gehabt. Aber wie lang der Bohrer schon hier lag, war nicht mehr zu bestimmen, wie viele Jahrmillionen oder -milliarden seit dem Bau vergangen waren, konnten alle Instrumente des Läufers nicht messen. Irgendwann hat auch die Zeit das meiste ihrer zerstörerischen Kraft eingebüßt, dann, wenn der Zerfall schon fast vollständig ist. Und so waren Bohrer und Fels hier eins geworden, wo der Eine aufhörte und der Andere anfing verschwamm in rostigrotgrauem Staub.
Der Läufer ging weiter, nach einem kurzen Bogen kehrte die Bahn wieder in ihre vorige Helixform zurück. Immer weiter nach unten ging es, eine endlose Kurve, die hinab in die unbekannte Tiefe führte. Es musste etwas einst sehr wichtiges da unten geben, warum hätte sonst ein so gewaltiger Gang gegraben werden sollen? Ob noch irgendetwas dort erkennbar, gar verwertbar wäre, stand auf einem anderen Blatt. Aber eine wissenschaftliche Sensation hatte die Expedition bereits geliefert.

6
Achtzehn Kilometer Tiefe zeigten die Instrumente des Läufers schließlich nach sechzig zurückgelegten Kilometern an, als plötzlich eine Wand den Weg versperrte, senkrecht zum Gang. Und was für eine seltsame Wand. Im weißen Scheinwerferlicht leuchtete sie in blauen, grünen und mattgelben Farben, ähnlich wie das Nordlicht, eine bewegte Marmorierung. Schaltete man das Scheinwerferlicht aber aus, so war alles in tiefste Schwärze gehüllt, wie man es an solch einem Ort ja auch erwarten sollte.
Die Wand selbst bewegte sich nicht, nur die Muster auf ihr, aber warum sie das taten, war völlig unklar. War hier noch etwas Lebendiges am Werk, Mikroorganismen vielleicht? Der Gang enthielt jedenfalls keinerlei Luft oder andere Gase und hier schien nichts zu sein, was Lebewesen ernähren konnte. Die Temperatur war fast so niedrig wie an der Oberfläche.
Ein Babyläufer wurde ausgesetzt, eine kleine, unbemannte Version des großen, von denen dieser einige mit sich führte. Der Kleine ging zu der Wand hin und tastete mit einem seiner Füße dagegen. Der Fuß fand allerdings keinen Widerstand. Farbe und Muster der Wand änderten sich etwas an der Stelle, wo der Fuß eindrang. Dann ging der ganze, kleine Laufroboter durch die Wand, welche mit einem kurzen, intensiven Farbenspiel reagierte. Wenige Sekunden später kehrte er unversehrt wieder zurück. Die Wand war also eine Membran, nichts anderes als eine Tür, die man nicht zu öffnen brauchte. Dahinter, so meldeten die Sensoren des wieder aufgesammelten Babyläufers, ging der Gang wie gewohnt weiter. Aber es gab dort Luft, wenn auch völlig trocken und arm an Sauerstoff. Ihre Temperatur betrug fünf Grad. Wie es funktionierte, dass ein fester Gegenstand die Membran widerstandslos durchdringen konnte, ohne sie zu beschädigen, die Luft aber eingesperrt blieb, war unerklärlich. Die Erbauer mussten zumindest in mancher Hinsicht den Menschen technisch weit überlegen gewesen sein. Und nun deutete sich auch ein möglicher Sinn des ganzen Komplexes an. Vielleicht waren die Unbekannten, als ihr Heimatstern sich aufblähte, vor der Hitze in das Innere des Planeten geflohen, hatten sich eingeschlossen, um nie wieder hervorzukommen. So verschwanden sie vor Millionen oder Milliarden von Jahren unter der Oberfläche, spurlos und vergessen bis zum jetzigen Zeitpunkt.

7
Der große Läufer durchquerte jetzt die Membran, genauso unbehelligt wie der kleine zuvor. Die Mannschaft sah mit eigenen Augen, dass sich der Gang nicht geändert hatte. Trotz einer Atmosphäre war der Fels gleich geblieben.
Er blieb es nur noch für zwei weitere Windungen nach unten. Dann öffneten sich mit einem Mal nach links, rechts und oben Wände und Decke, nach vorne aber ging der Gang in eine breite Rampe über. Ein gewaltiger unterirdischer Raum erstreckte sich in eine unbekannte Ferne. Und hier bekam der Fels im Scheinwerferlicht endlich Konturen. Was da lag war eine riesige Ansammlung der seltsamsten Gebilde, auf den ersten Blick unförmige, aber große Klumpen, willkürlich aus dem Fels geschlagen und mit Löchern darinnen, unschwer zu erkennen als obskure Gebäude mit Fenstern und Türen. Sie sahen aus wie zufällig übereinander geworfen und es war schwer vorstellbar, dass solch ein Chaos von den gleichen Wesen erschaffen wurde, wie der regelmäßige Gang, der dorthin führte. Nichts bewegte sich, nicht einmal ein Windhauch. Es gab keine Spur von Leben, soweit es der Läufer von seiner erhöhten Position aus, um die fünfzig Meter über alledem, wahrnehmen konnte. Licht außerhalb der Scheinwerferkegel gab es nicht.
Das, was erst so chaotisch erschien, machte, je länger man es beobachtete, einen immer überlegteren Eindruck mit einer eigenwilligen Schönheit. Es war eine, wenn auch für unsere Augen fremdartige, Stadt, mit Häusern, Straßen, Türmen, Plätzen und Formen, die menschliche Architekten nie gewagt hätten zu bauen, alle in sich verschlungen, fraktal, in einer Verworrenheit, die sich zweifellos für den geübteren Betrachter auflösen und zu einem Ganzen, Vollständigen verbinden würde. Die Ausmaße waren, soweit die Scheinwerfer den Raum ausleuchten konnten und wohl noch weit darüber hinaus. Die Decke war vom Boden mindestens zweihundert Meter entfernt. Alles war nur Fels, keine Spur von Wasser, Metall, geschweige denn Pflanzen, Tieren oder den Erbauern dieser Zuflucht. Alles Leben, das hier einst gewohnt haben musste, schien schon lange zu Staub zerfallen und dieser Staub zu Stein geworden.
Die Scheinwerfer suchten gerade den Boden um den Läufer ab, ohne etwas bemerkenswertes zu entdecken. Da flackerte ein schwaches Licht über der Stadt auf. Nur kurz, aber deutlich wahrnehmbar in der sonst perfekten Dunkelheit. Dann ein weiteres Licht. Dann mehrere. Viele. Der Läufer schaltete seine Scheinwerfer aus. Keiner aus der Besatzung tat einen Laut, als die Stadt zum Leben erwachte. Hunderte Lichter über und in der Stadt leuchteten, jetzt anstatt zu flackern, in einem fahlgelben Licht. Dazwischen huschten Schatten hin und her. Einige der Lichter in der Luft wurden größer und schneller, ebenso die sie begleitenden Schatten. Erst flogen sie wild durcheinander, dann zielgerichtet. Jetzt kamen sie, die Wesen, die hier immer noch wohnten und trotz aller Wahrscheinlichkeit die Zeit überdauert hatten. Alles ging sehr schnell, nur Teile lebender Körper waren zu erkennen, leuchtende Schädel ohne Gesicht, Knochen ohne Haut und Haare, knorrige, bleiche Körper mit beulenhaften Auswüchsen, ledrige Flügel. Dann hunderte Tentakel. Dann nichts mehr.

8
Dies sind die Aufzeichnungen, welche von dem Läufer übertragen und vom Raumschiff Celeste empfangen wurden. Das geschah vor dreiundachtzig Jahren. Nun sind wir die erste Expedition, die seither auf diesem Planeten gelandet ist und welche die unbeschädigte, aber leere Celeste geborgen hat. Sonst wurde auf der Oberfläche nichts gefunden. Diese Aufzeichnungen werden nun, zusammen mit den wenigen, die wir auf dem gebackenen Planeten gemacht haben, dem galaktischen Forschungsrat zur Auswertung übergeben.

Donnerstag, 22. Januar 2009

Sturz in die Ewigkeit


Eine Science-Fiction Kurzgeschichte, basierend auf 'Sturz in den Mahlstrom' von Edgar Allan Poe.



A singular change, too, had come over the heavens. Around in every direction it was still as black as pitch, but nearly overhead there burst out, all at once, a circular rift of clear sky - as clear as I ever saw - and of a deep bright blue - and through it there blazed forth the full moon with a lustre that I never before knew her to wear. She lit up every thing about us with the greatest distinctness - but, oh God, what a scene it was to light up!
EDGAR ALLAN POE


Die kleine Raumstation inmitten des interstellaren Nichts und abseits aller Handelsrouten wurde alleine von ihrem Eigentümer bewohnt, einem scheinbar alten Mann, der nicht oft Gäste beherbergte. Nur ein Zufall brachte mich dorthin. Wir standen schweigend nebeneinander an einem Außenfenster und beobachteten ein seltsames Leuchten, einen geraden, blauen Blitz, der regelmäßig etwas nach links und rechts schwankte, wobei der Ursprungspunkt fix blieb, und der wie Nebel in einem Lichtkegel, nur langsamer, flackerte. Seit etwa einer Stunde war er zu sehen, ein für den leeren Raum durchaus unübliches Verhalten.
"Das sieht aus wie ein Jet, aber wenn es einer ist, dann ein sehr kleiner, denn man kann beobachten, wie er entstand und nun langsam Form und Richtung ändert. Und wenn er sehr klein ist, dann ist er uns folglich sehr nahe" brach ich endlich das Schweigen.
"Das stimmt, es ist ein nur ein paar tausend Kilometer langer Jet", antwortete der alte Mann traurig, "er wird ausgestoßen von einem primordialen Schwarzen Loch, einem Gebilde vom Anbeginn der Zeit. Aber keine Angst, wir sind in sicherer Entfernung und der Strahl kann sich nur innerhalb eines kleinen Bereiches von wenigen Grad bewegen. Uns droht also hier keine Gefahr. Dieses Schwarze Loch ist der Grund, dass ich mich auf dieser Station niedergelassen habe, unsere gemeinsame Geschichte macht es mir unmöglich, hinaus in die Welt zurückzukehren. Die Station ist ein Leuchtturm, welcher vor dem Ungetüm dort warnt."
Bei dem Ausdruck 'primordiales Schwarzen Loch' zuckte ich zusammen, wie es jedem ergeht, der weiß, was sich dahinter verbirgt, denn diese Dinge sind, obwohl vielleicht häufig, schwer auffindbar, kaum erforscht und, wie Schwarze Löcher allgemein, extrem gefährlich. Und es sind die ältest noch existenten Objekte, so alt wie das Universum selbst. Kommt man ihnen zu Nahe, kann keine Macht der Welt einen mehr retten. In ihnen erlöscht sogar die Zeit. Ich bat den alten Mann, seine Geschichte zu erzählen.

"Meine beiden Brüder und ich, wir arbeiteten im harten, aber einträglichen Gewerbe der Ausbeutung von interstellaren Asteroiden. Dank unseres Wagemutes hatten wir es schon zu einigem Reichtum gebracht und konnten uns daher ein größeres, besseres Raumschiff leisten, welches uns zu lohnenderen Schürfplätzen bringen sollte, wo wir die edleren Metalle und selteneren Isotope zu finden hofften. Wir besorgten uns Raumkarten von wenig erforschten Gebieten, markierten dort ein paar interessante Stellen und machten uns dann einfach zur vielversprechendsten auf. Und dort - hier - landeten wir gleich einen Volltreffer. Wir fanden dieses Schwarze Loch, welches in den Karten als Navigationshindernis verzeichnet war, ein Monster von nur wenigen Millimetern Größe, aber der Masse eines Planeten. Und umkreist wurde es von einem Schwarm von Asteroiden, die größten von diesen ein paar hundert Meter lang. Die Anzeigen an unserem Spezialraumschiff, welche dazu gebaut waren, uns zu den Schätzen zu leiten, schlugen wie wild aus. Diese Asteroiden bestanden alle zu einem guten Teil aus Eisen, mit zahlreichen Einschlüssen schwererer Elemente, welche uns unglaublich reich machen könnten, würde uns der Abbau gelingen. Und daran zweifelten wir nicht, wir kannten die Gefahr, aber wir konnten sie einschätzen.
Ein 50-Meter-Asteroid, der sich in einem weiten, sehr runden Orbit um das Schwarze Loch befand, war unser erstes Ziel. Das Raumschiff blieb unbemannt, es konnte auf sich selber aufpassen, aber für eine Landung auf einem Asteroiden war es nicht geschaffen. Wir koppelten also unsere Landungsfähre vom Raumschiff ab und setzten nach kurzem Flug auf dem Ziel auf. Der Metalldetektor meldete einige Zinkadern in dem harten Gestein. Nun ist Zink nicht sonderlich lohnend, aber dieses war stark durchsetzt mit Indium und das erzielt auf dem freien Markt schon ziemlich beachtliche Preise. Wir verhütteten also einige Tonnen Zinkerz (das macht eine Maschine automatisch und ziemlich schnell) und gewannen so viele Kilogramm allerbesten Indiums. Eine gute Ausbeute für zwei Tage, mit der wir in unser Raumschiff, welches im Gegensatz zur Landungsfähre alle erdenkbaren Annehmlichkeiten hatte, zurückkehrten."

Der Jet, den wir während des Gespräches beobachteten, wurde schon seit einer Weile langsam schwächer, um nun zu verblassen. "Ein Felsbrocken, kein besonders großer, kam kürzlich in unmittelbare Nähe des Schwarzen Loches, wurde dort zerrissen und eingesaugt." erklärte mein Gastgeber. "Kurz bevor die Brösel hinter dem Ereignishorizont verschwinden, verdampfen sie und sehr wenig, unvorstellbar heiße Materie wird an den Polen des Schwarzen Loches wieder in den Raum geblasen. Das erzeugt einen Jet. Der jetzige hielt nicht lange an, weil der verschluckte Asteroid nur klein war. So etwas kommt hier häufig vor. Aber zurück zu unserer Geschichte.
Meine Brüder und ich waren für das Erste zufrieden, wollten aber bald mehr. Nach ein paar Tagen Erholung hatten wir uns einen anderen, größeren, interessanteren Asteroiden auserkoren. Dieser war näher am Schwarzen Loch, aber immer noch in sicherer Entfernung, auch wenn er eine deutlich elliptischere Bahn hatte. Eine erste Analyse ergab, dass er ungewöhnlich schwer für seine Größe war, was Hoffnung auf wertvolle Metalle in großer Menge weckte. Er war etwa 150 Meter lang, 80 breit, 70 tief und geformt wie eine Kartoffel mit rauer Schale.
Der Flug dorthin dauerte etwas länger und so hatten wir Zeit, die Umgebung des Schwarzen Loches näher zu betrachten. Sie war allerdings, so wie jetzt wieder, ruhig, fast langweilig und wiegte uns daher in trügerischer Sicherheit. Wir setzten mit unserer Fähre auf, verankerten sie im harten Boden und schlüpften in unsere Raumanzüge. Dies waren natürlich besonders strahlengeschützte Anzüge, mit speziellen Fußhalterungen, um nicht von der Kartoffel, wie wir den Asteroiden jetzt liebevoll nannten, zu fallen. Und wir hatten, zur Sicherheit, Raketengurte, die uns im Notfall vielleicht auch ohne Fähre zu unserem Raumschiff zurückbringen konnten. Das Laufen in so einem Anzug ist schwierig und anstrengend, aber weit laufen mussten wir ja nicht.
Kaum aus der Fähre ausgestiegen, setzten wir unseren Metalldetektor auf und warteten angespannt auf die Ergebnisse. Währenddessen wurde das Schwarze Loch aktiv. Ein Jet, so wie wir beide ihn gerade eben sahen, nur viel stärker, schoss hervor und hüllte die verkraterte, schroffe Landschaft in ein gespenstisches blaues Licht. Geisterhafte Gestalten schienen um uns herum zu zittern und zu erbeben, die Schatten von scharfkantigen, zerklüfteten Felsen. Die bizarre Szenerie hätte uns Angst machen können, hätten wir nicht genau gewusst, dass uns keine Gefahr von dem Jet drohte. Er konnte uns nicht erreichen und die Ergebnisse des Detektors ließen uns nun alles andere vergessen. Direkt unter uns befand sich eine Platinader, mit all jenen verwandten Metallen, die sich so gerne mit dem Platin vermischen und die von unschätzbarem Wert sind: Iridium, Palladium, Ruthenium, Rhodium und sogar das wertvollste und seltenste von allen, Osmium. Und das scheinbar in einer Menge, dass wir uns von dem Verkauf einen eigenen Planeten würden leisten können. Wir waren alle drei sehr angespannt, aber zum Jubel blieb keine Zeit. Mein jüngerer Bruder schritt die Ader ab und kam auf eine Länge von vierzehn Metern, nicht tief unter der Oberfläche und fast einen Meter im Durchmesser!

In dem Moment, als er uns das mitteilte, geschah, was nie hätte passieren dürfen und auch nicht passieren hätte können, wenn wir etwas mehr um unsere Sicherheit bedacht gewesen wären. Der Jet strahlte heller als je zuvor, denn das Schwarze Loch schlug sich den Bauch voll, alles um uns herum leuchtete in blau waberndem Licht. Aber dies hatte, so bin ich überzeugt, nichts mit dem Grund unseres Untergangs zu tun. Denn ein anderer großer Asteroid, deren Bahn wir anscheinend falsch berechnet und für gefahrlos erachtet hatten, streifte leicht den unseren. Es musste ein Zufall gewesen sein, dass dies gleich nach dem Erstarken des Jets geschah.
Der Ruck war gewaltig, unser Asteroid bekam einen Drall und eine andere Bahn, ebenso wie der andere vermutlich. Ich fiel mit dem Rücken zu Boden, meine Füße blieben jedoch befestigt. Auch mein älterer Bruder wurde wohl umgestoßen, obwohl ich es nicht sehen konnte. Mein jüngerer Bruder aber, der von uns entfernt und noch nicht wieder mit beiden Beinen am Boden war, wurde von dem vermeintlich sicheren Felsbrocken weggeschleudert, genau in die Richtung des Ursprunges des blauen Jets, viel zu schnell für eine Rettung durch seinen Raketenrucksack. Ich wollte mir nicht ausmalen, was er während seines Stunden dauernden Sturzes in die Ewigkeit empfand und was schließlich mit ihm geschah und ich will es auch jetzt nicht. Unser Kommunikationssystem wurde dankenswerterweise durch die Katastrophe zerstört und so musste ich nichts hören.
Mein älterer Bruder sah mich entsetzt an und ich ebenso zurück. Zur Trauer war aber keine Zeit, wir mussten zuerst unsere eigene Haut retten. Der nächste Schock war, dass ein durch den Aufprall abgesprengter Fels das Triebwerk unserer Fähre zerschmettert hatte, auf diesem Weg gab es also kein Entkommen mehr. Und nun realisierten wir, welche neue Bahn unser Asteroid eingeschlagen hatte: elliptischer, näher zu dem Schwarzen Loch hin und auch wieder weiter von ihm weg, wenn er die Annäherung überstehen würde. Dazu rotierte er noch in einer schiefen Achse um sich selber und hätte uns ohne unsere Fußhalterungen, wie unseren Bruder, sicherlich in den Raum geschleudert. Verzweifelt hielten wir uns an dem schroffen, metallischen Fels fest, der so wertvoll war, aber nun, so waren wir uns inzwischen sicher, unser Grab werden würde. Mit den Raketenrucksäcken etwas gegen die Gewalt der neuen Bahn ausrichten zu wollen erschien aussichtslos. Bei jeder Umdrehung des taumelnden Asteroiden, etwa jede halbe Minute, konnten wir den blauen Jet in das schwarze All strahlen sehen. Vielleicht würde der uns ja grillen, bevor uns das Schwarze Loch zerriss, denn wohin uns die Bahn jetzt führen würde, war nicht abzuschätzen, möglicherweise geradewegs in das blaue Leuchten hinein. Stunden hilfloser Angst vergingen, sinnloses Festklammern war alles, zu dem wir im Stande waren. Dass wir den Jet doch nicht kreuzen würden, wie nach einiger Zeit klar wurde, war kein Trost.

Obwohl sich an unserer Lage nichts geändert hatte, versuchte mein Bruder sehr plötzlich, mit Gesten seiner linken Hand, denn mit der Rechten hielt er sich fest, mir etwas mitzuteilen. Ich wusste nicht, was er mir sagen wollte und ob es vernünftig oder wahnsinnig war, aber ich muss gestehen, es war mir egal, da ich damit beschäftigt war, mir meine letzten Minuten auszumalen und wenn es schon unabänderlich war, die Einmaligkeit meiner Situation zu genießen. Nicht viele Menschen hatten je so etwas von Nahem gesehen und keiner konnte davon berichten. Der Jet rotierte und schrieb einen leuchtend blauen Kegel in das All, der minütlich zweimal über meinen Kopf zog und dabei immer ein wenig größer wurde. Kleine Blitze durchzuckten den Himmel jetzt, die kleineren Asteroiden des inneren Teiles des das Schwarze Loch umgebenden Ringes. Manche stießen zusammen und explodierten in einem gelben Funkenball. All jene mythologischen Konzepte des Weltenendes, Armageddon, Ragnarök, waren nichts gegen meinen Logenplatz der Vernichtung. Immer wieder wurde unser Fels durchgeschüttelt von Einschlägen kleiner Trümmer, von denen auch einer uns ein vorzeitiges Ende hätte bringen können. Was ich wirklich bedauert hätte, ich wollte den Ritt jetzt unbedingt bis zum Ende mitmachen.
Mein älterer Bruder holte mich mit einem Tritt ins Leben zurück. Er deutete auf seinen Rucksack und da wusste ich, was er vorhatte. Ich versuchte nicht, ihn zurückzuhalten, obwohl ich seinen Plan für aussichtslos hielt. Er wählte einen scheinbar günstigen Punkt in der Bahn aus, löste seine Halterungen und zündete alle Raketen auf seinem Rücken. Genau als das Schwarze Loch gegenüber war, schoss er wie ein (leicht gekrümmter) Blitz davon und ich habe ihn nie wieder gesehen. Erst später fiel mir auf, worin sein Fehler lag. Zum einen mussten wir uns schon fast am nahen Scheitel der Ellipse befunden haben, viel zu spät für einen Fluchtversuch, weil viel zu nahe an dem Schwarzen Loch. Zum anderen besaß er als Impuls ja nicht nur den Schub seiner Raketen, sondern auch jenen des Asteroiden, der ja auch noch einen Drall hatte. Die Bahn meines Bruders muss eine Parabel gewesen sein, die ihn genau zu dem Punkt führte, dem er zu entkommen versuchte. Manchmal bilde ich mir ein, ich hätte ihn noch, gezerrt zu einem endlosen Spaghetti, in das Loch stürzen sehen, obwohl das unmöglich ist. Aber dies verfolgt mich bis heute in meinen Träumen.
Ich blieb auf meinem Fels, meiner Kartoffel, wie mir wieder einfiel und entgegen aller Logik und Schmerz musste ich lächeln. Tun konnte ich ohnehin nichts mehr, die Vorstellung war fast vorbei. Und dann, ich weiß nicht nach wie langer Zeit in Todesangst, hatte der Asteroid den Scheitelpunkt der Ellipse überwunden und wir waren nicht zerrissen worden, obwohl es mir an diesem Punkt stärker als an allen anderen den Magen umdrehte. Meine Wahrnehmung verzerrte sich, hier erschien der Raum wirklich gekrümmt, der blaue Strahl wurde vor meinen Augen zu einer sich windenden Schlange. Und dann merkte ich, dass der Asteroid in der Mitte zerbrochen war. Zwei fast gleich große, jetzt rundere Kartoffeln eierten parallel zueinander und umeinander weg von dem blauen Inferno. Die Rotation meines Bruchstückes war langsamer geworden, eingegangen in die gemeinsame Rotation der beiden Brocken. Erleichterung verschaffte mir das keine, denn es zögerte ja doch nur das unaufhaltsame Ende heraus, wie ich meinte. Ich wusste, dass der Asteroid nur wenige Umrundungen auf dieser Bahn überstehen könnte, bevor er völlig zerrissen und vom Schwarzen Loch verschluckt würde. Was für ein Tag für das primordiale Monster, so viel zu fressen hatte es sicher schon lange nicht mehr bekommen. Ob wohl jener Jet noch schöner würde als dieser, der jetzt langsam hinter mir verblasste? So waren meine Gedanken, mich holte wohl jetzt, in der ruhigeren Flugphase, der Wahnsinn ein, der vorher im Chaos hinterher blieb. Aber der Wahnsinn war nur vorübergehend und machte dann wieder der verzweifelten, unbegründeten Hoffnung platz.

Was war der letzte Einfall meines Bruders? Am Scheitelpunkt zu entkommen. Ein guter Gedanke, aber bei ihm war es der falsche Scheitelpunkt. Ein normalerweise leicht vermeidbarer Fehler, der jedem sofort auffällt, es sei denn, man befindet sich in einer Lage wie der unsrigen. Nun aber, auf dem Weg von der Gefahr weg und nicht mehr in einer dem Denken abträglichen Rotationsgeschwindigkeit, war mir klar, worin meine einzige, kleine Chance bestand. Die Raketen mussten kurz vor dem Erreichen des entfernteren Scheitels gezündet werden, wenn die Geschwindigkeit vom Schwarzen Loch weg noch groß genug war, die Entfernung zu ihm so weit als möglich und die Rotationsphase so, dass meine Lage in aufrechter Stellung sich parallel zur Flugbahn befand, so dass es mich exakt gerade herausschießen würde, genau vom Schwarzen Loch weg. Und dann musste noch der Weg frei sein, die andere Hälfte des ursprünglichen Körpers und die ganzen anderen Brocken mussten woanders als in meiner Bahn sein. Ein Punkt, den zu verpassen nur allzu leicht war, wenn es ihn denn überhaupt gab. Aber, daraus, dass ich jetzt hier bin und diese Geschichte erzähle, haben Sie es schon selber geschlossen, es gelang mir. Die Raketen zündeten und ich flog davon, tatsächlich in der geplanten geraden Bahn, weg von dem Monster, von dem ich mir in diesem Moment ausmalte, wie es mir enttäuscht hinterher blickte. Der Rest war einfach, denn mein Raumanzug war ausgestattet mit einem Notrufsignal, welches, nun aktiviert, das Raumschiff sich selbst an einen sicheren Ort auf meiner Flugbahn manövrieren ließ. Über zwei Stunden schwebte ich noch einsam und scheinbar ruhig, tatsächlich aber rasend schnell durch das All. Von dieser Zeit weiß ich aber nichts mehr. Das Raumschiff fing mich sanft auf, es hatte Geräte für solche Zwecke an Bord. Mein Asteroid, so berichtete später der Bordcomputer, der alles aufgezeichnet hatte, überlebte tatsächlich die nächste Umrundung nicht mehr, er wurde in winzige Teile zerrissen und erzeugte dann den nächsten großen Jet.
Ich verkaufte die Ausbeute unserer ersten Tour, holte all unsere Ersparnisse und ließ das Raumschiff in diese Station umbauen, wo ich nun seit drei Jahren und bis an mein Ende das primordiale Schwarzen Loch umkreisen werde. Manchmal kommen Gäste und manchen erzähle ich meine Geschichte. Nicht viele glauben mir."

Dienstag, 13. Januar 2009

Langsam Bloggen


Im Folgenden eine Übersetzung des Slow Blogging Manifesto von Todd Sieling. Für Hinweise zur Verbesserung der Übersetzung sowie das Auffinden von Fehlern bin ich dankbar.

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Manifest

1

Langsames Bloggen ist eine Absage an die Unmittelbarkeit. Es ist eine Bekundung, dass nicht alles Lesenswerte schnell geschrieben wurde und dass viele Gedanken am besten erst dann serviert werden, nachdem sie ganz durchgebacken sind und in einem ausgeglichenen Zustand formuliert wurden.

2

Langsames Bloggen heißt, mit Bedeutung zu sprechen, als ob die Pixel, die den Worten Form geben, wertvoll und selten seien. Es ist die Bereitwilligkeit, aktuelle Ereignisse kommentarlos vorübergehen zu lassen. Es ist bedachtsam im Tempo und unterbricht seinen gemächlichen Schritt nicht für Dinge, die nicht wichtig sind. Und vielleicht nicht einmal dann, denn die Geschwindigkeit des Ernstfalles ist meistens nicht langsam und die Orte, welche von beruhigendem Tempo regiert werden, dienen uns dann am besten.

3

Langsames Bloggen ist eine Umkehrung des Zerfalles in Einzeiler und verkürzte Phrasen, die oft nur die Frühstadien unserer besten Ideen sind. Es ist ein Prozess, in welchem Gedankenblitze aufleuchten und verblassen, um dann ihren Platz im Hintergrund von etwas Größerem zu finden. Langsames Bloggen schreibt keine Gedanken in das ätherische und ewige Pergament, bevor sie nicht einen andauernden Wert im Gebäude unserer Ideen erlangt haben.

4

Langsames Bloggen ist die Bereitschaft, stumm zu bleiben bei den täglichen Entrüstungen und Begeisterungen, die nur einzelne Momente der Zeit ausfüllen, welche zwischen Banalitäten herspringen, Herzschmerz und psychotische Weltuntergangsfröhlichkeit in einen kleinen Raum zwischen den Schlagzeilen pressen. Das, was du in einem bestimmten Moment letzte Woche hättest sagen wollen, kann auch noch nächsten Monat oder nächstes Jahr gesagt werden und du wirst nur umso gewitzter erscheinen.

5

Langsames Bloggen ist eine Antwort auf den und Ablehnung des Pagerank. Pagerank, jenes hübschhässliche Monster, welches hinter den vielen gefalteten Vorhängen von Google sitzt und die Frage nach Autorität und Relevanz zu deinen Suchen entscheidet. Blogge früh, blogge oft und Google wird dich belohnen. Konditioniere dein kreatives Selbst auf die geheime Frequenz und werde von Google geliebt; du wirst da erscheinen, wo jeder schaut – auf den ersten paar Suchergebnisseiten. Folge deinem eigenem Tempo und deine Arbeiten werden nie gefunden; verweigere Pagerank seine Wünsche und deine Arbeit verschwindet, wie von einer Rückströmung in die tiefen Wasser der undifferenzierten Ergebnisse geworfen. Sein verdrehtes Verständnis des Allgemeinwohls hat Pagerank zu einem beängstigenden Gegner der Allgemeinheit gemacht, er gibt ein Schritttempo vor, welches die Reflektion verbietet, die nötig ist, um vom Alltäglichen zum Vermächtnis zu werden.

6

Langsames Bloggen ist die Wiederherstellung der Maschine als Vermittler menschlichen Ausdrucks, statt seine Peitsche und Behälter. Es ist das freiwillige Anhalten des lichtschnellen Laufrades, welches in den Regeln des effektiven Bloggens vorgeschrieben wird. Es ist die Auferlegung asynchroner Temporalien, wo wir nicht schneller tippen, um mit dem Computer mitzukommen, wo das Tempo der Gestaltung nicht dem Konsumtempo entspricht, wo gute und schlechte Werke in ihrer eigenen Geschwindigkeit erschaffen werden.

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Kommentar: Ich persönliche stimme dem Manifest in vielen, aber nicht allen Punkten zu. Texte, die länger auf kleiner Flamme geköchelt wurden, überarbeitet und überlegt wurden und etwas aussagen, schmecken besser als schnell hingerotzte Kriegserklärungen an Grammatik, Rechtschreibung und Inhalt. Allerdings halte ich den Pagerank für unschuldig, schlimmstenfalls für ein Symptom, nicht die Ursache. Die Ursache liegt wohl in den globalen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen unserer Umwelt. Und da geschehen Veränderungen meist nur im Kleinen. Und langsam.