Freitag, 3. Juli 2009

Paulaner Sound-Glas



Ich setze mich in mein kleines Auto und will gerade losfahren, da ertönt aus meinem Kofferraum eine Melodie. So etwas hat der noch nie gemacht und ich finde, das ist für einen Kofferraum ohne Boxen auch kein standesgemäßes Verhalten. Hat mich endlich eine Geisteskrankheit erwischt? Aber das ist ja die Paulaner-Werbemelodie. Verdammt, hat es nicht mal für eine anständige Geisteskrankheit gereicht?
Moment, ich habe doch soeben einen Kasten alkfreies Hefeweizen dieser Marke käuflich erworben und ebendort abgestellt, ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Netterweise war an diesem Kasten sogar ein Weizenglas befestigt, ein besonderer Grund zur Freude für mich, da sich vor geraumer Zeit mein letztes Exemplar dieser Sorte nach einer unsanften Kollision mit dem Wasserhahn seiner materiellen Existenz beraubt sah.

Also, ausgestiegen, Kofferraum geöffnet und da dudelt das am Kasten per Kabelbinder befestigte Glas fröhlich das entsetzliche Jingle vor sich hin und will gar nicht mehr aufhören. Der Glasboden ist der Unruhestifter, wie ich bei genauerer Untersuchung feststelle. Panik erfasst mich, ich möchte kein ständig lärmendes Weizenglas haben. Ein beherzter Einsatz des Autoschlüssels und das Dudelding ist aus dem Boden gehebelt, musiziert aber immer noch. Erst durch herausrupfen der Drähte bringe ich das Teil zur ersehnten Ruhe. Das gemeuchelte Mahnmal technischer Sinnlosigkeit fällt zwischen die Flaschen im Kasten. Erstaunt und ungläubig lese ich den Hochglanzfetzen, der im Glas steckt und den ich vorher selbstverständlich aus chronischem Desinteresse für bunte Werbezettel ignoriert hatte. Darauf steht:
Weltneuheit
Paulaner Sound-Glas!
Musik auf Anstoß.
Auf der Rückseite ist eine Bedienungsanleitung, die unter anderem das problemlose Handling des Batteriewechsels erläutert.

Verwirrt setze ich meine Fahrt fort. In meinem Kopf spinnt sich die Szene zusammen, wie die Marketingabteilung von Paulaner ihre bahnbrechende Idee eines düdelndes Bierglases der Managementetage vorstellt. Ich stelle mir einen Häuptling jener besonderen Spezies der Marketing-Heißlufterzeuger vor, der mit zwei Sätzen eine komplette Partie Bullshit-Bingo beenden kann. Er sagt etwas wie: "Mit diesem innovativen Produkt wird für den Kunden ein beachtlicher Mehrwert erzeugt und die Corporate Identity im Bewußtsein des Konsumenten verankert. Dadurch wird eine positive Identifikation mit der Marke verstärkt und ein innovatives, aufgeschlossenes und stimmungsvolles Image vermittelt, welches unsere Werbebotschaft nach außen kommuniziert." Das Management applaudiert begeistert. Die Ingenieure schütteln den Kopf, aber entwickeln das Ding, weil dafür werden sie ja bezahlt. Ein paar chinesische Wanderarbeiter freuen sich, dass wieder ein Monat Arbeit und damit fünfzig Dollar sicher sind und ihnen ist es eh egal, was sie bauen. Und die Kunden, sind sie wirklich so abgestumpft, dass sie sich jeden sinnlosen Müll andrehen lassen? Zumindest ich anscheinend schon, wenn auch nur aus Unaufmerksamkeit. Ich frage mich, wieviel Geld ich für diesen Düdelapparat denn gezahlt habe. Wahrscheinlich um die 20 Cents, auf jeden Fall aber zuviel.
Weltneuheit steht drauf. Liebe Paulanier, das Ding ist eine Weltneuheit, weil jene Leute, welche bisher einen solchen Hirnfurz hatten, sich vor der Produktion noch besannen und merkten, dass wirklich kein Mensch so etwas haben will. Habt ihr wenigstens ein weltweites Patent darauf angemeldet, damit uns andere Firmen vor diesem Mist verschonen?

Das Bier ist übrigens gut und das Glas erfüllt in seiner jetzigen, soundfreien Form perfekt seinen Zweck.